Dienstag, 4. September 2012

Erinnerungen

Wenn ich mich jetzt so an die Zeit zurück erinnere, in der ich magersüchtig war, dann kommt es mir so vor, als hätte ich damals in einer völlig anderen Welt gelebt. Als hätte ich nie etwas vom wahren Leben mitbekommen. Nichts von all dem, was um mich herum geschah, völlig versunken in meinem eigenen Universum, mit Gedanken, die ganze Tage und Nächte lang nur um das eine Thema kreisten. Bücher, geschrieben von Magersüchtigen, in denen ich versank. Das Internet, das ich durchbohrte, um mein Wissen um jede Formel zum Abnehmen, jede Diät und jede Kalorienangabe zu erweitern.
Hunger und Ängste, die mich ganze Nächte lang nicht durchschlafen ließen.

Es war eine schreckliche Zeit.


Ein besonders komisches Gefühl ist es, wenn ich am Ort des Geschehens bin. Bei der Klinik, in der ich ein halbes Jahr verbracht habe.

Ich fahre jeden Tag mit der Bahn daran vorbei zur Arbeit.
Und all die Bilder in meinem Kopf, die Erinnerungen an die Menschen dort und an all meine damaligen Gedanken holen mich jedes Mal wieder ein. Jeden Tag.
Als hätte ich meine kaputte Seele dort gelassen, um all die Erinnerungen für mich aufzubewahren und sie mir zu zeigen, wenn ich wieder mal vorbei komme.

Ich muss aber auch sagen, dass ich die Zeit in der Klinik besonders in den letzten Tagen etwas vermisse - oder besser gesagt, mich unglaublich gern daran zurück erinnere, denn zurück dorthin möchte ich auf gar keinen Fall.

Es liegt wohl daran, dass jetzt gerade die Jahreszeit ist, zu der ich damals eingewiesen wurde.
Das war letztes Jahr nach Ende der Sommerferien. Zum Herbstbeginn.
Genau wie jetzt.

Ich weiß noch, wie traurig ich war, dass ich ausgerechnet im Herbst, meiner Lieblingsjahreszeit, in eine Klinik kam. Den Herbst hätte ich doch so gerne Zuhause verbracht. Ein schöner, gemütlicher Herbst mit goldenen Blättern, kuscheligen Filmabenden, Kerzenlicht und den ersten Weihnachtsnaschereien - wenn sich auch die Frage stellt, ob ich es in meiner Lage überhaupt noch soweit gebracht hätte, diese zu essen.

Vor allem aber meinen 18. Geburtstag hätte ich gerne Zuhause gewohnt. Daraus wurde dann ja aber leider auch nichts. Wenigstens durfte ich diesen Tag vom Mittag bis zur Spätmahlzeit Zuhause verbringen, was ich allerdings erst eine halbe Woche vorher erfuhr, was die Planung für diesen Tag äußerst schwierig machte.

Aber ich will ja nicht rumnölen.

Wie gesagt, zur Zeit sind mir all diese Erinnerungen sehr willkommen.
Mein letzter Herbst war wunderschön, auch wenn ich ihn nicht Zuhause verbringen durfte.
Trotzdem war es vielleicht sogar der schönste und intensivste Herbst, den ich bis dahin erlebt habe, denn das Krankenhausgelände schließt an einen riesigen Park an. Eine unglaublich große Wiese mit vielen, vielen Bäumen, die zu dieser Jahreszeit ihr goldenes Kleid fallen lassen haben und damit den ganzen Boden bedeckten. Wunderschön sah das aus, sodass ich fast jeden Tag die 30 Minuten, die mir an Ausgang vergönnt waren, für Herbstspaziergänge in dieser prächtigen Umgebung genutzt habe.

Der Herbst rüttelt auch meine Erinnerungen an dort geschlossene Freundschaften wieder auf.

Auf meiner Station habe ich zwei ganz liebenswerte Mädchen kennen gelernt, die aus dem selben Grund wie ich dort waren, und mit denen ich mich deshalb super unterhalten konnte und mich endlich verstanden gefühlt habe.
Wir haben unseren Ausgang oft zusammen genommen, um die schöne Natur zu genießen und eine Vielzahl an Fotos von uns zu knipsen.
Ich bekomme ja fast Gänsehaut, wenn ich mich an unsere vielen, guten Gespräche von damals zurück erinnere und unsere ganzen Fotos ansehe. Oder wenn ich an unsere Spaziergänge zum nahe liegenden ALDI denke, bei dem wir versucht haben, uns endlich mal wieder was richtig leckeres zum Essen zu kaufen. Wie haben wir letztes Jahr den Baumkuchen von ALDI geliebt!

Ich glaube, das sind so Emotionen, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde.

Dieses halbe Jahr war so eine gefühlsintensive Zeit, wie ich sie vorher nie erlebt habe.
Eine Zeit voller Tränen, Ängsten und Depressionen, aber auch voller Freude, Glück und Freundschaften.

Ich bereue es auf jeden Fall nicht, dort gewesen zu sein. Diese Zeit war eine wichtige Erfahrung für mich und ich habe vieles mitnehmen können - vor allem aber Erinnerungen, denn den Weg zurück ins Leben, den habe ich selber gefunden.

Da kann einen Niemand bei helfen, auch wenn man noch so sehr darum bittet.

Diesen Weg kann man nur finden, wenn man selber den Wille in sich trägt, ans Ziel zu gelangen.





P.S. Es gibt ein paar neue Rezepte unter Gesunde Rezepte

Soonthinly

10 Kommentare:

  1. Liebe Laura, vielen Dank für deinen lieben Kommentar. Es ist echt so, dass der Weg sehr, sehr schwer ist. Weil ich zu Fressanfällen neige, wenn ich mir mal sage, dass ich das essen kann, was ich möchte. Das ist dann leider noch oft der Startschuss für übermäßig viel essen. Und ich denke dann sofort darüber nach, mich zu übergeben und/oder am nächsten Tag deutlich weniger zu essen. Sowas frustriert mich alles sehr, am liebsten würde ich einfach normal essen können, nicht hungern und nicht total überfressen..
    Nochmal danke, deine ganzen Posts geben mir wirklich Kraft<3

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  2. Wunderschöner Text, hat mich sehr berührt.
    Mir geht es im Herbst/Winter genauso, damals ging es mir besonders schlecht und ich bin dann auch in die Klinik gekommen. Solche Gedanken sind schön und traurig. Man fühlt sich besser, aber auch ängstlich (ich zumindest). Der Herbst ist eine gute Zeit zum Nachdenken.

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  3. Und gerade erst heute morgen bin ich durch diesen Park gelaufen :)
    Das wollte ich dich nämlich auch noch fragen, wenn du da nämlich in der Klinik warst, müsstest du ja auch in der Nähe wohnen oder? Und du hast ja oben geschrieben, dass du in der Nähe arbeitest. Ich habe irgendwie überlegt, wenn ich eh jeden Tag da bin, ob wir uns vielleicht mal treffen? :) Also klar, nur wenn du Interesse hättest!

    Und Herbst ist übrigens auch meine liebste Jahreszeit :)
    Liebste Grüße ♥

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  4. ich freue mich riesig das du es so weit geschafft hast und auch in schweren tagen nicht aufgibst und selber merkst das die magersucht schlecht ist.
    aber ich habe immer eine frage, meinst du du könntest wieder 68 kilo wiegen ohne dich schlecht zu fühlen und wieder in die krankheit reinzurutschen?

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  5. Ein wirklich schöner Text.
    Ich mag den Herbst auch.
    lg ♥

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  6. Danke Liebes für deine aufmunternden worte <3
    darf ich dich was fragen?
    Woran hast du gemerkt das es Klick gemacht hat

    :-*

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  7. Dein Blog gibt allen Hoffnung, die gegen die Essstörung ankämpfen möchten. Ich habe damals mitverfolgt, wie du unglaublich schnell in die Magersucht gerutscht bist. Du kannst wirklich sehr stolz auf dich sein, dass du wieder herausgefunden hast, dass dein Leben nicht mehr nur aus Kalorien und dem Gang zu Waage besteht. Das Leben kann so lebenswert sein, aber mit einer Essstörung verpasst man den besten Teil davon, nämlich es zu genießen.

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  8. Für Willen bin ich auch. Er ist der erste schritt unser Konation. Ohne ihn ist alles nichts.

    Und ich habe das indes auch ähnlich wie du erlebt. Herbst, Weihnachten in einer Klinik? Die schönste Zeit des Jahres fernab von der Familie? Ohne die eigenen Regeln und Gewohnheiten? Nein. Aber da muss man hart bleiben. Ist es doch die einzige "oppurtunity", die man hat. Und einen Park hatte ich da auch - ein schöner Nebeneffekt, ja. Aber ich fand den nicht mehr nur oberflächlichen Kontakt zu Menschen, also den Austausch von Geschichten, Erfahrungen und Erlebnissen mit Gleichgesinnten - aber gerade nicht nur Magersüchtige, sondern allen erdenklichen psychischen Erkrankungen, noch viel lebensbereichernder. Es war eine sehr prägende Zeit. Du kannst soviel über unsere Gesellschaft, Menschen und irgendwie auch (Neu-)Humanismus im psychosomatischen Kontext erfahren. Und du hast die Aussicht noch viele Herbste und Weihnachtsfeste zu erleben, die in der Zukunft und das wertet denn doch mehr als ein verlorenes in der Gegenwart.

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