Dienstag, 29. Januar 2013

Ganz sorgenlos

"Wissen sie", sage ich zu meiner ambulanten Therapeutin, die mir gegenüber sitzt, "ich würde so gerne mal wieder was verrücktes mit einer guten Freundin machen. Muffins backen zum Beispiel. Und danach welche davon essen. So wie wir es früher immer getan haben."
"Nun, und worin genau liegt das Problem? Warum tust du es dann nicht einfach, was hindert dich daran?", fragt sie mich zurück, obwohl sie doch die Antwort kennt. Oder hat sie es vergessen, weshalb ich hier bin?
"Ich habe Angst. Ich würde das ja gerne einmal wieder tun, Muffins backen. Aber das Essen gehört nun mal auch dazu, und da gehen die Vorstellungen von mir und meinen Freunden eben auseinander." Ich schlucke. "Niemand backt doch Muffins, um sie danach nur anzustarren. Es geht doch schon mit dem Teig naschen los. Wissen sie, ein Muffin wäre ja sogar vielleicht okay für mich, aber mehr auch nicht."
"Was hältst du denn davon, wenn du dich mit einer Freundin zum Backen triffst, und hinterher einfach nur einen Muffin isst? Mehr musst du doch auch gar nicht, niemand zwingt dich dazu."
"Meine Freunde würden aber alle mehr als einen essen. Und wenn ich nur einen esse, dann denken sie nachher,  dass ich noch immer krank bin. Das will ich nicht, aber zwei Muffins kommen auch nicht in Frage. Also lasse ich es gleich bleiben."

So oder so ähnlich hat sich vor einigen Monaten, nach der Klinik, ein Gespräch zwischen meiner ambulanten Therapeutin und mir ereignet. 
Komisch, wie sehr ich mich doch verändert habe. 
Im Laufe der Zeit.
Und wieder mal stelle ich Vergleiche auf. 
Vergleiche die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Und sehe Licht.

Ich habe heute mit einer Freundin Muffins gebacken. Schöne Schoko-Nuss-Muffins, die außen knusprig, innen weich waren. Wir haben 18 Stück oder so gebacken. Ein paar davon haben wir uns auf einen Teller gestellt und mit in ihr Zimmer genommen. Einen Film angemacht und sie dazu gegessen.
Auf einmal war der Teller leer. Das ging so schnell, man hat es fast gar nicht mitbekommen. Also mussten wir nochmal Nachschub holen. Am Ende waren auf einmal nur noch 8 Muffins übrig. 
Huch! Haben wir tatsächlich schon über die Hälfte aufgegessen?
Es hat uns nicht gekümmert. Es war eher belustigend. 
Schwupps, und weg waren sie!

Dieses Gefühl von Leichtigkeit.
Vom unbekümmert sein.
Ganz sorgenlos.
Es breitet sich in mir aus, wie die Sonne am Himmel, wenn es langsam Frühling wird und die Vögel früh am Morgen beginnen, ihre Lieder zu zwitschern.

Nichts ist mehr so wie damals. Ich bin nicht mehr so wie damals.
Und ich will es auch, 
um Himmels Willen, 
nie, niemals wieder sein.



Samstag, 26. Januar 2013

Kuchen backen

Schwungvoll ziehe ich die Tasse in meiner Hand einmal durchs Kakaopulver, bis sie halb voll ist.
Gebe den Kakao lässig zum Rest der Mischung dazu, die ich gleich zu einem cremigen Schokoteig verarbeiten will.
Jetzt kommt das, was vor einem halben Jahr noch undenkbar gewesen wäre: Im Rezept steht, dass man dem Teig eine Tasse Öl zufügen soll. Dadurch wird der Teig schön fluffig.
Heute habe ich kein Problem mehr damit. Ich muss das Öl nicht erst messen oder wiegen, um zu kontrollieren, wie viel es ist. Die Ölflasche kippe ich einfach über der weißen Tasse um und lasse es hinein laufen, bis sie fast voll ist. 
Nun kippe ich das Öl zu den anderen Zutaten. Greife mir noch eine Hand voll Schokotropfen, die ich ebenfalls in den Teig werfe. 
Ein schöner Kuchen wird das werden. Ich sehe es schon vor mir, wie sich sein Volumen im Ofen dank des Backpulvers verdoppelt, während ich noch all die Zutaten zu einem köstlichen Teig verrühre.
Die Kastenform fette ich selbstverständlich ein, bevor der Teig in ihr landet. Ich will ja keinen Kuchen backen, der hinterher darin festklebt. Die Margarine reicht nicht für die ganze Form. Ich nehme mir noch etwas davon nach. 
Jetzt aber ab in die Form mit dem Teig, und dann in den Ofen! 
Ich habe hunger.

Nach 50 Minuten piept die Stoppuhr. In der Küche duftet es herrlich nach frisch gebackenem Kuchen. Jetzt noch schnell die Schokolade schmelzen und auf dem Kuchen verteilen. Trocknen lassen. Fertig!



Alltag.
Vor einem Jahr hätte man wahrscheinlich den Kopf darüber geschüttelt, wenn ich so einen Text auf meinem Blog veröffentlicht hätte. Das wäre in keinster Weise glaubhaft gewesen.
Heute ist es das. Mit Lebensmitteln habe ich kein Problem mehr. Auch nicht mit Öl, Margarine, Schokolade und anderen fetthaltigen Dingen.
Und ich bin stolz darauf, dass ich jetzt so weit bin, einen solchen Text für euch zu schreiben. Dass ich das, was darin steht, wirklich getan habe. Und dass ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht habe, was ihr danach von mir denken könntet, bevor ich auf "Veröffentlichen" geklickt habe.
Es ist mir egal.
Von mir aus sollen die anderen von mir denken, was sie wollen. Dass ich jetzt "dick" werde, weil ich ein Stück Schokokuchen gegessen habe (so was unrealistisches!), dass ich deswegen verfressen und unkontrolliert bin oder was auch immer. 
Aber keine Sorge! Ich weiß inzwischen ganz gut, wie viel ich mir erlauben kann, dass ich nicht wieder an Gewicht verliere, es aber auch nicht in die Höhe schießt. Und das ist einiges mehr, als ich mir in anorektischen Zeiten gegönnt habe.
Ich stehe jetzt zu mir. Genau so, wie ich bin. Ich habe mir mein Selbstbewusstsein hart zurück erkämpft und inzwischen will ich niemand anderes mehr sein als ich selbst.



Der Schokokuchen schmeckt übrigens hervorragend! Ich glaube, ich hole mir gleich noch ein zweites Stück davon... 




Sonntag, 13. Januar 2013

Memory: Klinik

Ein anonymer Leser hat mich gefragt, ob ich mal ein bisschen über meine Zeit in der Klinik berichten könnte. Und da ich dieses Thema auf meinem Bog noch gar nicht groß behandelt habe, werde ich nun tatsächlich mal ein paar Zeilen darüber schreiben. Vielleicht macht es den einen oder anderen, der jetzt noch zögert, ja etwas Mut, endlich Hilfe anzunehmen.
Erfahren, dass ich in die Klinik komme, habe ich es total kurzfristig. Es war der 3. Tag nach den Sommerferien als ich von der Schule kam und meine Mutter mit mitteilte, dass ich meine Sachen packen muss, weil es morgen früh in die Klinik geht. Da war ich erstmal baff, aber auch total erleichtert. Ich habe wirklich Tränen geweint, weil so eine riesengroße Last von mir abgefallen ist, da ich endlich Hilfe bekommen sollte.

Die ersten zwei Wochen lag ich noch auf einer Krankenhausstation zum "aufputschen" - da war ich also erstmal nur zum nicht-bewegen und essen. Danach wurde ein Platz in der Jugendlichenpsychiatrie frei, den ich dann glücklicherweise bekommen habe, denn, ganz ehrlich, viel länger hätte ich es auf dieser ersten Station auch nicht ausgehalten. Dort war es einfach schrecklich langweilig, spätestens dann, als mich meine liebe Zimmernachbarin, mit der ich übrigens auch heute noch gut befreundet bin, verlassen hat, da für sie schon eher ein Platz frei wurde.

In der Klinik hatten wir dann einen festen Tagesablauf. Morgens um 7 aufstehen, 7:30 Frühstück, danach Morgenrunde (alle Patienten berichten über ihr aktuelles Befinden und Tagesablauf), Einzeltherapie, 10:00 2. Frühstück, 12:00 Mittagessen, davor oder danach war man meistens in kreativen Gruppen beschäftigt, z.B. Basteln, Gitarre, "Trau Dich", Theater etc, 15:00 Teezeit, Dienstags und Donnerstags war dann ab 16 bzw. 17 Uhr Besuchszeit bis zum Abendbrot, das um 18:30 stattfand. 20:00 Spätmahlzeit, danach macht man sich dann langsam bettfertig, viele haben im Essraum noch Spiele gespielt o.ä. Freitags war Filmeabend.
Und am Wochenende durften diejenigen, die man schon für so weit hielt, stundenweise oder auch über Nacht, nach Hause. So viel zum alltäglichen Programm.

Das Essen war festgelegt. Man hat einen Wunschkostplan zum ausfüllen bekommen. Morgens standen z.B. Müsli mit Obst, Toast, Brot oder Brötchen zur Auswahl, zum Mittag konnte man zwischen 3 Menüs wählen und teilweise die Beilagen variieren. Abends gab es dann nochmal Brot, Toast und Brötchen, wobei man unter den Aufschnitt, Käse oder vegetarische Pastete noch Frischkäse oder Butter unterschmieren musste. Aber während des 1. Monates durfte ich mein Essen sowieso noch nicht selber zubereiten, da haben das die Betreuer für mich gemacht. Häufig hat das damals zu Streit geführt, weil ich die Aufstriche auf meinem Brot immer viel zu übertrieben fand und einmal habe ich deswegen auch kein Abendbrot gegessen, weil ich den Frischkäse auf meinen zwei Brotscheiben einfach viel zu dick fand und das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.

Die Therapie, die mir dort gegeben wurde, fand ich ehrlich gesagt nicht so lobenswert. Natürlich hat sie mir in einigen Punkten weiter geholfen, gerade auch mit meiner Familie - denn alle zwei Wochen hatte ich ein Elterngespräch mit Mama oder Papa. Aber für mich selber, gerade im Punkt krank belieben oder gesund werden, bin ich nicht sehr weit gekommen.
Nach meiner Entlassung nach über 6 Monaten Klinik wurde ich Zuhause ja auch schon wieder rückfällig, nahm wieder 5 Kilo ab, fing wieder damit an, alles mögliche zu kontrollieren und so weiter, bis es endlich "Klick" gemacht hat. 

Da wurde mir bewusst, dass ich mir mein Leben kaputt machen werde, wenn ich nicht endlich einen Schlussstrich unter meiner Krankheit ziehe. Dass ich, wenn ich nie gesund werde, auch nie wieder glücklich werden kann. Ich hatte irgendwann auch einfach keine Lust mehr, mich jeden Tag aufs neue zu quälen, mit Gedanken, mit Hunger, Kontrolle und Einschränkungen. Jeden Tag alleine Zuhause zu sitzen und im Dunkeln zu weinen, das hielt ich einfach nicht mehr aus. 
Und darum habe ich etwas verändert: Ich habe die Krankheit aus meinem Leben verschwinden lassen.
Das hört sich jetzt einfach an, schwupps, und weg war sie. Es war aber alles andere als einfach und kurzweilig. Es hat lange, wirklich lange Zeit gedauert, bis ich endlich so weit war, mich als einigermaßen geheilt zu bezeichnen. Noch heute kommt es hin und wieder vor, dass ich mich bei irgendwas blöden erwische. Beim Kalorienzählen oder dabei, dass ich mich an einem Tag mal wieder auf "Sparflamme" ernähre, weil ich den Tag davor zu viel gegessen habe. Aber das ist selten, und das ist nicht mehr das Zentrum meines Lebens. Ich mache mir keine Gedanken mehr darum, was und wie viel ich essen darf, ich habe keinen Wiegezwang mehr, ich halte mein Gewicht nun schon seit Oktober im normalen Gewichtsbereich und ich finde mich schön dabei. Es kommt gar nicht mehr für mich in Frage, wieder abzunehmen. Ich fände mich dann gar nicht mehr so schön und kann es heute auch nur noch schwer nachvollziehen, wie ich mich damals, mit einem BMI von 16, immer noch zu dick fand. Jetzt habe ich einen BMI von 19, und ich glaube fest daran, dass ich sogar mit 2, 3 Kilos mehr nicht dick und schrecklich aussehen würde.

Ja, es hat sich seit der Klinik und dem "Klick" in meinem Kopf sehr viel bei mir geändert, körperlich sowie psychisch. Und ich bin froh darüber, wobei froh gar kein Ausdruck dafür ist. Mir geht es bestens und ich tue das, wonach ich mich während der Krankheit immer so schrecklich nach gesehnt habe.

Ich lebe.