Dienstag, 10. Juli 2012

Zurückdenken

Manchmal frage ich mich wirklich, was mich damals dazu getrieben hat, mir so viel kaputt zu machen in meinem Leben. 
Wie dumm war ich, wie naiv, als ich damit anfing, eine Diät nach der anderen zu führen.
Wieso habe ich mich immer tiefer in die Magersucht gestürzt und nicht gemerkt, was ich mir damit antue?
Mehr als ein Jahr meines Lebens, das nicht lebenswert war. Das ich damit verbracht habe, alleine in meinem Zimmer zu sitzen, nach Kalorienangaben zu recherchieren, mein Essen abzuwiegen, Diätpläne aufzustellen, mich völlig von der Außenwelt abzukapseln, Freundschaften zu vernachlässigen, Verabredungen abzusagen - Nur weil ich Angst davor hatte, dass man mir was zu essen andrehen könnte. Angst. Jeden Tag hatte ich panische Angst vor Dingen, die vollkommen unreal sind. Meine Fantasie hat mir grausame Streiche gespielt. 

-Nur ein Knäckebrot mehr könnte schon zu viel sein, und meine neue Hose in Größe 32 wird mir morgen nicht mehr passen. 
-Wenn ich mehr als 300 Kalorien am Tag essen, dann nehme ich bestimmt zu.
-Ich habe so einen Hunger, ob ich wohl noch eine Möhre essen sollte? Nein! Eine Möhre mehr würde meine Tagesbilanz an Kalorien zu sehr in die Höhe treiben!
-Ich sollte nicht zu viel von der Cola Light trinken, 1 Liter davon hat schon Kalorien! 
-Bevor ich Tee kaufe, sollte ich auch lieber auf die Nährwerttabelle achten, denn es gibt Tees, die haben pro Beutel 7 Kalorien, das kann ich mir nicht erlauben.
-Wenn ich heute über 500 Kalorien komme, dann muss ich nacher noch 1 Stunde joggen gehen!

Wie, um Himmels Willen, sind denn diese irrationalen Gedanken damals in meinen Kopf gekommen?
Oh man, ich bin zu dieser Zeit so dermaßen in mir selbst versunken, dass ich gar nicht mehr gemerkt habe, was überhaupt noch normal ist. Ich hatte ja absolut null Bezug mehr zur Realität.
Ich glaube, die eben aufgezählten Gedanken sind recht typisch für Jemanden mit Magersucht. Wenn man sich mit nichts anderem mehr als mit Essen und Abnehmen beschäftigt, dann gerät man wohl in so einen irren Gedankenstrudel.
Es war die Hölle.
Ich war mir selbst eine Sperre zur Außenwelt. Nichts war mehr möglich. Ich habe quasi gar nicht mehr gelebt.

Hinzu kommen die körperlichen Schäden. Menstruationsstörung, Müdigkeit, Schwäche, niedriger Blutdruck, zu tiefer Puls, keine Konzentration, Schwindel und Kreislaufprobleme, Haarausfall, schnell gereizt sein, Depressionen, und, und, und...

Mittlerweile, das wisst ihr ja, bin ich auf dem Weg der Genesung, habe das Ziel quasi fast erreicht.
Ich wollte die letzten Monate nur nochmal kurz und knapp Revue passieren lassen, um sie mit meinem derzeitigen Leben zu vergleichen.
Eigentlich kann ich zur Zeit nicht klagen. Ich habe mir mit aller Kraft mein Leben zurück erkämpft. Habe mir wieder so viel aufgebaut, was mir damals durch die Magersucht verloren gegangen ist, und bin jetzt wieder voll drin im Leben.
Die alten Gedankenmuster sind Vergangenheit. Ich denke nicht mehr jede Stunde, jede Minute nur ans (Nicht-)Essen.
Ich bin auch nicht mehr unzufrieden mit mir selbst. Weder mit meinem Körper, noch mit meiner Persönlichkeit. Ich mag mich im Moment sehr gerne so, wie ich bin, und ich würde mit niemanden mehr tauschen wollen. Ich bin halt ich, und das akzeptiere ich jetzt.
Wenn man sich selber akzeptiert, dann hat man schon mal einen großen Schritt getan.
Ich stehe auch nicht mehr Stunden lang vor dem Spiegel und suche nach vermeintlichen Fettzellen an meinem Körper, dich ich noch abtrainieren muss. Ich suche jetzt nicht mehr nach den schlechten Seiten an mir. Ich halte jetzt Ausschau nach dem Guten. Ich sehe jetzt das an mir, was mir gefällt.
Gehe wieder offener in die Welt, bin spontaner und flexibler geworden. 

Übrigens finde ich dieses ganze Extrem-Dünn-Sein auch gar nicht mehr so attraktiv. Ich glaube, das gehört einfach mit zur Krankheit dazu. Man verliert den Bezug zur Wirklichkeit und entwickelt eine Körperschemastörung. Alles, was dünner ist, als man selbst, wird als Ideal und Vorbild gesehen und angestrebt. Und wenn man es erst einmal erreicht hat, dann reicht auch das nicht mehr, dann will man noch dünner und dünner werden, sucht sich wieder neue Vorbilder.
Freunde, die man damals, als man selber noch "dick" war, um ihre schlanke Figur beneidet hat, findet man auf einmal abartig "fett".
Das ist alles ganz schön traurig, wie viel so eine blöde Krankheit zerstören kann.

Darum gebt nicht auf, kämpft für euer Leben, tut es für euch. Lasst die Krankheit nicht mehr zu, denn ohne sie kann das Leben um so vieles schöner sein!

Soonthinly

3 Kommentare:

  1. darf ich fragen in welcher Klinik du warst?

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  2. Ich finde es so bewunderswert wie du dir dein Leben zurückgekämpft hast. Ich bewundere dich. Du bist ein Vorbild. Ich leide nicht an Magersucht sondern an Depressionen und SVV und habe wirklich schon viel zu viele Jahre verschenkt.
    Rückblickend ist das immer sehr schade, da man diese Zeit nicht wieder zurückbekommt, dennoch: Du bist daran gewachsen, erfahrener, sicherer geworden!
    Ich wünsche dir weiterhin alles gute :)

    Alles Liebe, Feli :)

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  3. Ich finde zu reflektieren, wie weit man schon gekommen ist hilft einem, wenn man z.b. merkt in alte Muster zurück zufallen, oder eine schwierige Phase durchmacht...

    ich bin froh, dass du mit dir zufrieden bist :))

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