Vieles gehört für mich ja mittlerweile schon wieder zum normalen Alltag dazu.
Aber, mir Butter aufs Brot schmieren? Um Gottes Willen, nein!
Davon war lange nicht die Rede.
Wann habe ich das letzte Mal eine schöne Scheibe Brot mit Butter - oder in meinem Fall: Margarine (Butter klingt nur einfach schöner) - drauf gegessen? War es vor zwei Jahren, oder liegt es noch länger zurück?
Jedenfalls war ich gestern im Supermarkt und bin dort an einem Probierstand vorbei gekommen, an dem frische Baguettescheiben mit Butteraufstrich angeboten wurden. Ich habe, ohne zu zögern, zugegriffen. Denn meine Neugier nach dem Geschmack von Butter war einfach zu groß.
Es hätte mich vom Hocker gehauen, hätte ich auf einem gesessen.
So lecker war das.
Und die zweite Scheibe Butterbaguette folgte der ersten.
Ich habe mir daraufhin gleich eine Packung Margarine (rein pflanzlich, von Deli) mitgenommen und heute Abend, leicht gesalzen, auf meine Brote geschmiert.
Nachdem ich also zwei Jahre auf den fettigen Brotaufstrich verzichtet habe, bin ich nun beinahe süchtig danach. Wirklich, es ist unfassbar, wie gut etwas schmeckt, das ich so dermaßen lange hinausgezögert habe, nur, weil es mir zu viele Kalorien hatte.
Ich bin stolz auf mich, wenn ich ehrlich bin. Auch wenn sich das vielleicht blöd anhört. Schließlich habe ich "nur" Butterbrot gegessen. Etwas alltägliches.
Aber für mich waren es immer nur Butterbrote, die ich auf den Tellern Anderer gesehen habe und sie darum beneidet habe, dass sie das können. Mit ihrem Gewissen vereinbaren können.
Jetzt kann ich es selber. Butter- bzw. Margarinebrote mit meinem Gewissen vereinbaren.
Das war eine der letzten Sachen, die sich noch auf meiner "schwarzen Liste" befunden haben.
Schwarze Liste = Liste mit verbotenen Lebensmitteln
Nun kann ich auch hinter das Letzte einen großen Haken machen, denn auf Butterbrote werde ich so schnell nicht wieder verzichten.
Mittwoch, 6. Februar 2013
Freitag, 1. Februar 2013
Die Wahrheit
Die letzten Male, die ich bei meinem Frauenarzt war, musste ich mir immer wieder die folgenden Worte anhören:
"Sie sind viel zu dünn. Das ist nicht gut. Nehmen Sie besser etwas zu."
Gestern war ich wieder dort. Ich hatte mich bereits darauf eingestellt, dass ich die gerade genannten Worte erneut zu Hören bekomme, da konnte ich meinen Ohren auf einmal nicht trauen:
"Sie haben 2, 3 Kilo zugenommen, nicht wahr? Das ist gut. Sie sehen gesünder damit aus."
Ja.
Antworte ich.
Und unterstreiche meine Antwort mit einem leichten Nicken.
Während sich meine Mundwinkel langsam in die Höhe ziehen.
Und mein Mund sich zu einem Lächeln formt.
Ja, ich habe ein bisschen zugenommen. Und es ist in Ordnung, dass Sie das sagen. Ich sehe es als Kompliment an. Denn heute kann ich das. Mich mit Ihnen über diesen Erfolg freuen, während jede normale Frau Ihnen wahrscheinlich eine Backpfeife für diesen Satz verpasst hätte.
Denn, Sie haben zugenommen, hört frau nicht gern.
Aber ich weiß, wie Sie es meinen. Und Sie meinen es gut mit mir.
Danke für Ihre ernst gemeinten Worte. Danke für Ihre Offenheit und danke für die Wahrheit.
Ich kann jetzt damit umgehen.
Mit der Wahrheit.
Und die Wahrheit ist, dass ich losgelassen habe.
Finger für Finger habe ich meine Hand von ihr gelöst.
Der Essstörung.
Bis auch der letzte Finger den Kontakt zu ihr unterbrochen hat.
Und hoffentlich.
Das wünsch ich mir.
Für immer.
Dienstag, 29. Januar 2013
Ganz sorgenlos
"Wissen sie", sage ich zu meiner ambulanten Therapeutin, die mir gegenüber sitzt, "ich würde so gerne mal wieder was verrücktes mit einer guten Freundin machen. Muffins backen zum Beispiel. Und danach welche davon essen. So wie wir es früher immer getan haben."
"Nun, und worin genau liegt das Problem? Warum tust du es dann nicht einfach, was hindert dich daran?", fragt sie mich zurück, obwohl sie doch die Antwort kennt. Oder hat sie es vergessen, weshalb ich hier bin?
"Ich habe Angst. Ich würde das ja gerne einmal wieder tun, Muffins backen. Aber das Essen gehört nun mal auch dazu, und da gehen die Vorstellungen von mir und meinen Freunden eben auseinander." Ich schlucke. "Niemand backt doch Muffins, um sie danach nur anzustarren. Es geht doch schon mit dem Teig naschen los. Wissen sie, ein Muffin wäre ja sogar vielleicht okay für mich, aber mehr auch nicht."
"Was hältst du denn davon, wenn du dich mit einer Freundin zum Backen triffst, und hinterher einfach nur einen Muffin isst? Mehr musst du doch auch gar nicht, niemand zwingt dich dazu."
"Meine Freunde würden aber alle mehr als einen essen. Und wenn ich nur einen esse, dann denken sie nachher, dass ich noch immer krank bin. Das will ich nicht, aber zwei Muffins kommen auch nicht in Frage. Also lasse ich es gleich bleiben."
So oder so ähnlich hat sich vor einigen Monaten, nach der Klinik, ein Gespräch zwischen meiner ambulanten Therapeutin und mir ereignet.
Komisch, wie sehr ich mich doch verändert habe.
Im Laufe der Zeit.
Und wieder mal stelle ich Vergleiche auf.
Vergleiche die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Und sehe Licht.
Ich habe heute mit einer Freundin Muffins gebacken. Schöne Schoko-Nuss-Muffins, die außen knusprig, innen weich waren. Wir haben 18 Stück oder so gebacken. Ein paar davon haben wir uns auf einen Teller gestellt und mit in ihr Zimmer genommen. Einen Film angemacht und sie dazu gegessen.
Auf einmal war der Teller leer. Das ging so schnell, man hat es fast gar nicht mitbekommen. Also mussten wir nochmal Nachschub holen. Am Ende waren auf einmal nur noch 8 Muffins übrig.
Huch! Haben wir tatsächlich schon über die Hälfte aufgegessen?
Es hat uns nicht gekümmert. Es war eher belustigend.
Schwupps, und weg waren sie!
Dieses Gefühl von Leichtigkeit.
Vom unbekümmert sein.
Ganz sorgenlos.
Es breitet sich in mir aus, wie die Sonne am Himmel, wenn es langsam Frühling wird und die Vögel früh am Morgen beginnen, ihre Lieder zu zwitschern.
Nichts ist mehr so wie damals. Ich bin nicht mehr so wie damals.
Und ich will es auch,
um Himmels Willen,
nie, niemals wieder sein.
"Nun, und worin genau liegt das Problem? Warum tust du es dann nicht einfach, was hindert dich daran?", fragt sie mich zurück, obwohl sie doch die Antwort kennt. Oder hat sie es vergessen, weshalb ich hier bin?
"Ich habe Angst. Ich würde das ja gerne einmal wieder tun, Muffins backen. Aber das Essen gehört nun mal auch dazu, und da gehen die Vorstellungen von mir und meinen Freunden eben auseinander." Ich schlucke. "Niemand backt doch Muffins, um sie danach nur anzustarren. Es geht doch schon mit dem Teig naschen los. Wissen sie, ein Muffin wäre ja sogar vielleicht okay für mich, aber mehr auch nicht."
"Was hältst du denn davon, wenn du dich mit einer Freundin zum Backen triffst, und hinterher einfach nur einen Muffin isst? Mehr musst du doch auch gar nicht, niemand zwingt dich dazu."
"Meine Freunde würden aber alle mehr als einen essen. Und wenn ich nur einen esse, dann denken sie nachher, dass ich noch immer krank bin. Das will ich nicht, aber zwei Muffins kommen auch nicht in Frage. Also lasse ich es gleich bleiben."
So oder so ähnlich hat sich vor einigen Monaten, nach der Klinik, ein Gespräch zwischen meiner ambulanten Therapeutin und mir ereignet.
Komisch, wie sehr ich mich doch verändert habe.
Im Laufe der Zeit.
Und wieder mal stelle ich Vergleiche auf.
Vergleiche die Vergangenheit mit der Gegenwart.
Und sehe Licht.
Ich habe heute mit einer Freundin Muffins gebacken. Schöne Schoko-Nuss-Muffins, die außen knusprig, innen weich waren. Wir haben 18 Stück oder so gebacken. Ein paar davon haben wir uns auf einen Teller gestellt und mit in ihr Zimmer genommen. Einen Film angemacht und sie dazu gegessen.
Auf einmal war der Teller leer. Das ging so schnell, man hat es fast gar nicht mitbekommen. Also mussten wir nochmal Nachschub holen. Am Ende waren auf einmal nur noch 8 Muffins übrig.
Huch! Haben wir tatsächlich schon über die Hälfte aufgegessen?
Es hat uns nicht gekümmert. Es war eher belustigend.
Schwupps, und weg waren sie!
Dieses Gefühl von Leichtigkeit.
Vom unbekümmert sein.
Ganz sorgenlos.
Es breitet sich in mir aus, wie die Sonne am Himmel, wenn es langsam Frühling wird und die Vögel früh am Morgen beginnen, ihre Lieder zu zwitschern.
Nichts ist mehr so wie damals. Ich bin nicht mehr so wie damals.
Und ich will es auch,
um Himmels Willen,
nie, niemals wieder sein.
Samstag, 26. Januar 2013
Kuchen backen
Schwungvoll ziehe ich die Tasse in meiner Hand einmal durchs Kakaopulver, bis sie halb voll ist.
Gebe den Kakao lässig zum Rest der Mischung dazu, die ich gleich zu einem cremigen Schokoteig verarbeiten will.
Jetzt kommt das, was vor einem halben Jahr noch undenkbar gewesen wäre: Im Rezept steht, dass man dem Teig eine Tasse Öl zufügen soll. Dadurch wird der Teig schön fluffig.
Heute habe ich kein Problem mehr damit. Ich muss das Öl nicht erst messen oder wiegen, um zu kontrollieren, wie viel es ist. Die Ölflasche kippe ich einfach über der weißen Tasse um und lasse es hinein laufen, bis sie fast voll ist.
Nun kippe ich das Öl zu den anderen Zutaten. Greife mir noch eine Hand voll Schokotropfen, die ich ebenfalls in den Teig werfe.
Ein schöner Kuchen wird das werden. Ich sehe es schon vor mir, wie sich sein Volumen im Ofen dank des Backpulvers verdoppelt, während ich noch all die Zutaten zu einem köstlichen Teig verrühre.
Die Kastenform fette ich selbstverständlich ein, bevor der Teig in ihr landet. Ich will ja keinen Kuchen backen, der hinterher darin festklebt. Die Margarine reicht nicht für die ganze Form. Ich nehme mir noch etwas davon nach.
Jetzt aber ab in die Form mit dem Teig, und dann in den Ofen!
Ich habe hunger.
Nach 50 Minuten piept die Stoppuhr. In der Küche duftet es herrlich nach frisch gebackenem Kuchen. Jetzt noch schnell die Schokolade schmelzen und auf dem Kuchen verteilen. Trocknen lassen. Fertig!
Alltag.
Vor einem Jahr hätte man wahrscheinlich den Kopf darüber geschüttelt, wenn ich so einen Text auf meinem Blog veröffentlicht hätte. Das wäre in keinster Weise glaubhaft gewesen.
Heute ist es das. Mit Lebensmitteln habe ich kein Problem mehr. Auch nicht mit Öl, Margarine, Schokolade und anderen fetthaltigen Dingen.
Und ich bin stolz darauf, dass ich jetzt so weit bin, einen solchen Text für euch zu schreiben. Dass ich das, was darin steht, wirklich getan habe. Und dass ich nicht eine Sekunde darüber nachgedacht habe, was ihr danach von mir denken könntet, bevor ich auf "Veröffentlichen" geklickt habe.
Es ist mir egal.
Von mir aus sollen die anderen von mir denken, was sie wollen. Dass ich jetzt "dick" werde, weil ich ein Stück Schokokuchen gegessen habe (so was unrealistisches!), dass ich deswegen verfressen und unkontrolliert bin oder was auch immer.
Aber keine Sorge! Ich weiß inzwischen ganz gut, wie viel ich mir erlauben kann, dass ich nicht wieder an Gewicht verliere, es aber auch nicht in die Höhe schießt. Und das ist einiges mehr, als ich mir in anorektischen Zeiten gegönnt habe.
Aber keine Sorge! Ich weiß inzwischen ganz gut, wie viel ich mir erlauben kann, dass ich nicht wieder an Gewicht verliere, es aber auch nicht in die Höhe schießt. Und das ist einiges mehr, als ich mir in anorektischen Zeiten gegönnt habe.
Ich stehe jetzt zu mir. Genau so, wie ich bin. Ich habe mir mein Selbstbewusstsein hart zurück erkämpft und inzwischen will ich niemand anderes mehr sein als ich selbst.
Der Schokokuchen schmeckt übrigens hervorragend! Ich glaube, ich hole mir gleich noch ein zweites Stück davon...
Sonntag, 13. Januar 2013
Memory: Klinik
Ein anonymer Leser hat mich gefragt, ob ich mal ein bisschen über meine Zeit in der Klinik berichten könnte. Und da ich dieses Thema auf meinem Bog noch gar nicht groß behandelt habe, werde ich nun tatsächlich mal ein paar Zeilen darüber schreiben. Vielleicht macht es den einen oder anderen, der jetzt noch zögert, ja etwas Mut, endlich Hilfe anzunehmen.
Erfahren, dass ich in die Klinik komme, habe ich es total kurzfristig. Es war der 3. Tag nach den Sommerferien als ich von der Schule kam und meine Mutter mit mitteilte, dass ich meine Sachen packen muss, weil es morgen früh in die Klinik geht. Da war ich erstmal baff, aber auch total erleichtert. Ich habe wirklich Tränen geweint, weil so eine riesengroße Last von mir abgefallen ist, da ich endlich Hilfe bekommen sollte.
Die ersten zwei Wochen lag ich noch auf einer Krankenhausstation zum "aufputschen" - da war ich also erstmal nur zum nicht-bewegen und essen. Danach wurde ein Platz in der Jugendlichenpsychiatrie frei, den ich dann glücklicherweise bekommen habe, denn, ganz ehrlich, viel länger hätte ich es auf dieser ersten Station auch nicht ausgehalten. Dort war es einfach schrecklich langweilig, spätestens dann, als mich meine liebe Zimmernachbarin, mit der ich übrigens auch heute noch gut befreundet bin, verlassen hat, da für sie schon eher ein Platz frei wurde.
In der Klinik hatten wir dann einen festen Tagesablauf. Morgens um 7 aufstehen, 7:30 Frühstück, danach Morgenrunde (alle Patienten berichten über ihr aktuelles Befinden und Tagesablauf), Einzeltherapie, 10:00 2. Frühstück, 12:00 Mittagessen, davor oder danach war man meistens in kreativen Gruppen beschäftigt, z.B. Basteln, Gitarre, "Trau Dich", Theater etc, 15:00 Teezeit, Dienstags und Donnerstags war dann ab 16 bzw. 17 Uhr Besuchszeit bis zum Abendbrot, das um 18:30 stattfand. 20:00 Spätmahlzeit, danach macht man sich dann langsam bettfertig, viele haben im Essraum noch Spiele gespielt o.ä. Freitags war Filmeabend.
Und am Wochenende durften diejenigen, die man schon für so weit hielt, stundenweise oder auch über Nacht, nach Hause. So viel zum alltäglichen Programm.
Das Essen war festgelegt. Man hat einen Wunschkostplan zum ausfüllen bekommen. Morgens standen z.B. Müsli mit Obst, Toast, Brot oder Brötchen zur Auswahl, zum Mittag konnte man zwischen 3 Menüs wählen und teilweise die Beilagen variieren. Abends gab es dann nochmal Brot, Toast und Brötchen, wobei man unter den Aufschnitt, Käse oder vegetarische Pastete noch Frischkäse oder Butter unterschmieren musste. Aber während des 1. Monates durfte ich mein Essen sowieso noch nicht selber zubereiten, da haben das die Betreuer für mich gemacht. Häufig hat das damals zu Streit geführt, weil ich die Aufstriche auf meinem Brot immer viel zu übertrieben fand und einmal habe ich deswegen auch kein Abendbrot gegessen, weil ich den Frischkäse auf meinen zwei Brotscheiben einfach viel zu dick fand und das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.
Die Therapie, die mir dort gegeben wurde, fand ich ehrlich gesagt nicht so lobenswert. Natürlich hat sie mir in einigen Punkten weiter geholfen, gerade auch mit meiner Familie - denn alle zwei Wochen hatte ich ein Elterngespräch mit Mama oder Papa. Aber für mich selber, gerade im Punkt krank belieben oder gesund werden, bin ich nicht sehr weit gekommen.
Nach meiner Entlassung nach über 6 Monaten Klinik wurde ich Zuhause ja auch schon wieder rückfällig, nahm wieder 5 Kilo ab, fing wieder damit an, alles mögliche zu kontrollieren und so weiter, bis es endlich "Klick" gemacht hat.
Da wurde mir bewusst, dass ich mir mein Leben kaputt machen werde, wenn ich nicht endlich einen Schlussstrich unter meiner Krankheit ziehe. Dass ich, wenn ich nie gesund werde, auch nie wieder glücklich werden kann. Ich hatte irgendwann auch einfach keine Lust mehr, mich jeden Tag aufs neue zu quälen, mit Gedanken, mit Hunger, Kontrolle und Einschränkungen. Jeden Tag alleine Zuhause zu sitzen und im Dunkeln zu weinen, das hielt ich einfach nicht mehr aus.
Und darum habe ich etwas verändert: Ich habe die Krankheit aus meinem Leben verschwinden lassen.
Das hört sich jetzt einfach an, schwupps, und weg war sie. Es war aber alles andere als einfach und kurzweilig. Es hat lange, wirklich lange Zeit gedauert, bis ich endlich so weit war, mich als einigermaßen geheilt zu bezeichnen. Noch heute kommt es hin und wieder vor, dass ich mich bei irgendwas blöden erwische. Beim Kalorienzählen oder dabei, dass ich mich an einem Tag mal wieder auf "Sparflamme" ernähre, weil ich den Tag davor zu viel gegessen habe. Aber das ist selten, und das ist nicht mehr das Zentrum meines Lebens. Ich mache mir keine Gedanken mehr darum, was und wie viel ich essen darf, ich habe keinen Wiegezwang mehr, ich halte mein Gewicht nun schon seit Oktober im normalen Gewichtsbereich und ich finde mich schön dabei. Es kommt gar nicht mehr für mich in Frage, wieder abzunehmen. Ich fände mich dann gar nicht mehr so schön und kann es heute auch nur noch schwer nachvollziehen, wie ich mich damals, mit einem BMI von 16, immer noch zu dick fand. Jetzt habe ich einen BMI von 19, und ich glaube fest daran, dass ich sogar mit 2, 3 Kilos mehr nicht dick und schrecklich aussehen würde.
Ja, es hat sich seit der Klinik und dem "Klick" in meinem Kopf sehr viel bei mir geändert, körperlich sowie psychisch. Und ich bin froh darüber, wobei froh gar kein Ausdruck dafür ist. Mir geht es bestens und ich tue das, wonach ich mich während der Krankheit immer so schrecklich nach gesehnt habe.
Ich lebe.
Erfahren, dass ich in die Klinik komme, habe ich es total kurzfristig. Es war der 3. Tag nach den Sommerferien als ich von der Schule kam und meine Mutter mit mitteilte, dass ich meine Sachen packen muss, weil es morgen früh in die Klinik geht. Da war ich erstmal baff, aber auch total erleichtert. Ich habe wirklich Tränen geweint, weil so eine riesengroße Last von mir abgefallen ist, da ich endlich Hilfe bekommen sollte.
Die ersten zwei Wochen lag ich noch auf einer Krankenhausstation zum "aufputschen" - da war ich also erstmal nur zum nicht-bewegen und essen. Danach wurde ein Platz in der Jugendlichenpsychiatrie frei, den ich dann glücklicherweise bekommen habe, denn, ganz ehrlich, viel länger hätte ich es auf dieser ersten Station auch nicht ausgehalten. Dort war es einfach schrecklich langweilig, spätestens dann, als mich meine liebe Zimmernachbarin, mit der ich übrigens auch heute noch gut befreundet bin, verlassen hat, da für sie schon eher ein Platz frei wurde.
In der Klinik hatten wir dann einen festen Tagesablauf. Morgens um 7 aufstehen, 7:30 Frühstück, danach Morgenrunde (alle Patienten berichten über ihr aktuelles Befinden und Tagesablauf), Einzeltherapie, 10:00 2. Frühstück, 12:00 Mittagessen, davor oder danach war man meistens in kreativen Gruppen beschäftigt, z.B. Basteln, Gitarre, "Trau Dich", Theater etc, 15:00 Teezeit, Dienstags und Donnerstags war dann ab 16 bzw. 17 Uhr Besuchszeit bis zum Abendbrot, das um 18:30 stattfand. 20:00 Spätmahlzeit, danach macht man sich dann langsam bettfertig, viele haben im Essraum noch Spiele gespielt o.ä. Freitags war Filmeabend.
Und am Wochenende durften diejenigen, die man schon für so weit hielt, stundenweise oder auch über Nacht, nach Hause. So viel zum alltäglichen Programm.
Das Essen war festgelegt. Man hat einen Wunschkostplan zum ausfüllen bekommen. Morgens standen z.B. Müsli mit Obst, Toast, Brot oder Brötchen zur Auswahl, zum Mittag konnte man zwischen 3 Menüs wählen und teilweise die Beilagen variieren. Abends gab es dann nochmal Brot, Toast und Brötchen, wobei man unter den Aufschnitt, Käse oder vegetarische Pastete noch Frischkäse oder Butter unterschmieren musste. Aber während des 1. Monates durfte ich mein Essen sowieso noch nicht selber zubereiten, da haben das die Betreuer für mich gemacht. Häufig hat das damals zu Streit geführt, weil ich die Aufstriche auf meinem Brot immer viel zu übertrieben fand und einmal habe ich deswegen auch kein Abendbrot gegessen, weil ich den Frischkäse auf meinen zwei Brotscheiben einfach viel zu dick fand und das nicht mit meinem Gewissen vereinbaren konnte.
Die Therapie, die mir dort gegeben wurde, fand ich ehrlich gesagt nicht so lobenswert. Natürlich hat sie mir in einigen Punkten weiter geholfen, gerade auch mit meiner Familie - denn alle zwei Wochen hatte ich ein Elterngespräch mit Mama oder Papa. Aber für mich selber, gerade im Punkt krank belieben oder gesund werden, bin ich nicht sehr weit gekommen.
Nach meiner Entlassung nach über 6 Monaten Klinik wurde ich Zuhause ja auch schon wieder rückfällig, nahm wieder 5 Kilo ab, fing wieder damit an, alles mögliche zu kontrollieren und so weiter, bis es endlich "Klick" gemacht hat.
Da wurde mir bewusst, dass ich mir mein Leben kaputt machen werde, wenn ich nicht endlich einen Schlussstrich unter meiner Krankheit ziehe. Dass ich, wenn ich nie gesund werde, auch nie wieder glücklich werden kann. Ich hatte irgendwann auch einfach keine Lust mehr, mich jeden Tag aufs neue zu quälen, mit Gedanken, mit Hunger, Kontrolle und Einschränkungen. Jeden Tag alleine Zuhause zu sitzen und im Dunkeln zu weinen, das hielt ich einfach nicht mehr aus.
Und darum habe ich etwas verändert: Ich habe die Krankheit aus meinem Leben verschwinden lassen.
Das hört sich jetzt einfach an, schwupps, und weg war sie. Es war aber alles andere als einfach und kurzweilig. Es hat lange, wirklich lange Zeit gedauert, bis ich endlich so weit war, mich als einigermaßen geheilt zu bezeichnen. Noch heute kommt es hin und wieder vor, dass ich mich bei irgendwas blöden erwische. Beim Kalorienzählen oder dabei, dass ich mich an einem Tag mal wieder auf "Sparflamme" ernähre, weil ich den Tag davor zu viel gegessen habe. Aber das ist selten, und das ist nicht mehr das Zentrum meines Lebens. Ich mache mir keine Gedanken mehr darum, was und wie viel ich essen darf, ich habe keinen Wiegezwang mehr, ich halte mein Gewicht nun schon seit Oktober im normalen Gewichtsbereich und ich finde mich schön dabei. Es kommt gar nicht mehr für mich in Frage, wieder abzunehmen. Ich fände mich dann gar nicht mehr so schön und kann es heute auch nur noch schwer nachvollziehen, wie ich mich damals, mit einem BMI von 16, immer noch zu dick fand. Jetzt habe ich einen BMI von 19, und ich glaube fest daran, dass ich sogar mit 2, 3 Kilos mehr nicht dick und schrecklich aussehen würde.
Ja, es hat sich seit der Klinik und dem "Klick" in meinem Kopf sehr viel bei mir geändert, körperlich sowie psychisch. Und ich bin froh darüber, wobei froh gar kein Ausdruck dafür ist. Mir geht es bestens und ich tue das, wonach ich mich während der Krankheit immer so schrecklich nach gesehnt habe.
Ich lebe.
Sonntag, 30. Dezember 2012
Am Leben
Während ich diese Zeilen schreibe, fühle ich mich so richtig lebendig.
Genau das, was heute passiert ist, habe ich gebraucht!
Glücksgefühle.
Aber von der allerfeinsten Sorte.
Das Lächeln will gar nicht mehr aus meinem Gesicht verschwinden, und ich will es auch nicht, also bleibt es dort, ich strahle weiter. Strahle heller als jeder Stern am Himmel in der Nacht.
Kann ein Tag schöner sein? Schöner als der heute?
Kann man einen Tag besser verbringen, als zusammen mit einer besten Freundin? Einer wirklich besten Freundin?
Wir sind essen gegangen: Es war selbstverständlich. So wie früher, als es meine Essstörung noch nicht gab.
Sie hat sich was schönes ausgesucht, ich habe mir auch was schönes ausgesucht.
Wir haben gegessen, nebenbei geredet, gelacht, uns angeguckt.
Keine Spur von Unsicherheit. Keine wirren Gedanken. Gar nichts.
Nur Freiheit. Und Leben. Das pure Leben.
Und danach haben wir Fotos gemacht. Beste Freundinnen Fotos.
Sie sind so schön geworden, dass ich mich daran nicht satt sehen kann. Aber sie laufen ja nicht weg. Und ich kann mich satt essen. Das genügt fürs erste.
Ach, ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich in diesem Augenblick bin.
Ich will dieses Glück am liebsten festhalten, in einem Marmeladenglas oder so.
Ich lebe.
Ja, ich lebe.
Aber so richtig.
Heute Abend geht es noch zu einer anderen Freundin.
Morgen früh gehe ich mit einer wiederum anderen Freundin zusammen frühstücken.
Dann fahre ich wieder nach Braunschweig, zu der Germknödel-Freundin, ihr wisst schon.
Wir wollen ins neue Jahr hinein feiern.
Ich habe so viele Menschen um mich und das zu wissen, das zu spüren, das tut mir so gut.
So unendlich gut.
Ich habe es nicht mehr nötig, am frühen Morgen alleine am Frühstückstisch zu sitzen, um zwei Toastbrote mit Marmelade zu essen und einen Kaffee dazu zu trinken.
Ich bin flexibel, ich kann mit Freunden ausgehen.
Ich. Freunde. Ausgehen.
Drei Begriffe, die mir in meiner Magersuchtszeit völlig fremd waren.
Jetzt weiß ich wieder, was sie bedeuten.
Und ich will es nie, nie wieder vergessen.
Niemals.
Genau das, was heute passiert ist, habe ich gebraucht!
Glücksgefühle.
Aber von der allerfeinsten Sorte.
Das Lächeln will gar nicht mehr aus meinem Gesicht verschwinden, und ich will es auch nicht, also bleibt es dort, ich strahle weiter. Strahle heller als jeder Stern am Himmel in der Nacht.
Kann ein Tag schöner sein? Schöner als der heute?
Kann man einen Tag besser verbringen, als zusammen mit einer besten Freundin? Einer wirklich besten Freundin?
Wir sind essen gegangen: Es war selbstverständlich. So wie früher, als es meine Essstörung noch nicht gab.
Sie hat sich was schönes ausgesucht, ich habe mir auch was schönes ausgesucht.
Wir haben gegessen, nebenbei geredet, gelacht, uns angeguckt.
Keine Spur von Unsicherheit. Keine wirren Gedanken. Gar nichts.
Nur Freiheit. Und Leben. Das pure Leben.
Und danach haben wir Fotos gemacht. Beste Freundinnen Fotos.
Sie sind so schön geworden, dass ich mich daran nicht satt sehen kann. Aber sie laufen ja nicht weg. Und ich kann mich satt essen. Das genügt fürs erste.
Ach, ich kann gar nicht sagen, wie glücklich ich in diesem Augenblick bin.
Ich will dieses Glück am liebsten festhalten, in einem Marmeladenglas oder so.
Ich lebe.
Ja, ich lebe.
Aber so richtig.
Heute Abend geht es noch zu einer anderen Freundin.
Morgen früh gehe ich mit einer wiederum anderen Freundin zusammen frühstücken.
Dann fahre ich wieder nach Braunschweig, zu der Germknödel-Freundin, ihr wisst schon.
Wir wollen ins neue Jahr hinein feiern.
Ich habe so viele Menschen um mich und das zu wissen, das zu spüren, das tut mir so gut.
So unendlich gut.
Ich habe es nicht mehr nötig, am frühen Morgen alleine am Frühstückstisch zu sitzen, um zwei Toastbrote mit Marmelade zu essen und einen Kaffee dazu zu trinken.
Ich bin flexibel, ich kann mit Freunden ausgehen.
Ich. Freunde. Ausgehen.
Drei Begriffe, die mir in meiner Magersuchtszeit völlig fremd waren.
Jetzt weiß ich wieder, was sie bedeuten.
Und ich will es nie, nie wieder vergessen.
Niemals.
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| Neue Tasche & Schuhe - Beides Weihnachtsgeschenke :-) |
Dienstag, 18. Dezember 2012
Versprechen vom letzten Weihnachten
Es dauert nicht mal mehr eine Woche bis Weihnachten und mir geht es so richtig gut.
Ich genieße das Leben und die Freiheiten, die ich wieder habe.
Und ich freue mich schon unglaublich auf Heiligabend - Vor allem, weil ich dann endlich zwei Wochen lang Urlaub habe!
Wisst ihr was?
Letztes Jahr um diese Zeit waren wir mit der Klinik auf dem Braunschweiger Weihnachtsmarkt. Ich bin damals mit meiner "Besten" aus der Klinik darüber gegangen. Wir haben uns das viele leckere Essen angeguckt und den Leute dabei zugesehen, wie sie sich an ihrem heißen Kakao mit Sahnehaube aufwärmen.
Selber haben wir kaum etwas gegessen. Nur das nötigste. Das, was wir mussten. Mehr zu essen hätten wir niemals gewagt.
Aber irgendwie wuchs in dieser schönen Weihnachtszeit vor einem Jahr auch der Wille in uns, irgendwann selber wieder all diese weihnachtlichen Leckereien essen zu können. Zu dürfen. Wobei es uns ja niemand verboten hat - außer wir selber.
Doch wir waren auch voller Hoffnung und haben an uns geglaubt. Wir haben ein Jahr voraus in die Zukunft geschaut und uns gesagt, dass es doch nicht für immer so bleiben kann. Dass wir im nächsten Jahr nicht wieder über den Weihnachtsmarkt gehen wollen, um den anderen beim Essen zuzusehen und uns selber nur zu erlaben, die vielen leckeren Düfte einzuatmen.
"Nächstes Jahr gehen wir noch mal zusammen auf den Weihnachtsmarkt, und dann kaufen wir uns einen von diesen leckeren Germknödeln mit Pflaumenmus-Füllung.", haben wir uns damals versprochen.
Letzten Freitag saß ich im Zug. Von Hannover nach Braunschweig. Auf dem Weg zu meiner "Besten". Wir haben uns tatsächlich verabredet, um zusammen auf den Weihnachtsmarkt zu gehen.
Wir hatten ja noch ein Versprechen zu halten.
Und wir haben ihn uns gekauft, den Germknödel mit Pflaumenmus-Füllung. Beide haben wir einen mit Vanillesauce und Zimtzucker genommen.
Auf eine Bank haben wir uns dann gesetzt und ihn gegessen. Genossen. Gelacht.
Es ist schön, so schön, dass wir beide dieses Glück erfahren durften, unser Leben wieder zu genießen.
Es ist also wahr, die Zeit bewirkt Wunder. Wunder, sofern man sie zulässt.
In einem Jahr hat sich so viel verändert. Ich habe uns selbst fast nicht mehr wieder erkannt.
Wir haben uns gewandelt. Unser Leben hat sich gewandelt. Und zwar zum Positiven.
Ich kann nicht oft genug sagen, wie schön das ist. Wie schön das Leben ist. Und die Freiheit.
Es fühlt sich toll an. Großartig.
Und ich wünsche es allen anderen auch. Allen anderen, die dieses Jahr über den Weihnachtsmarkt gegangen sind und gedacht haben: "Ich möchte auch so gerne etwas von hier essen, aber das geht nicht. Dann nehme ich nacher zu. Dann hält man mich für verfressen. Dann hungere ich lieber."
Glaubt mir, man verpasst so viel, wenn man so denkt. Und gleichzeitig erlebt man so viel, wenn man diese Gedanken endlich aufgibt. Vielleicht wollt ihr ja so denken, vielleicht wollt ihr so dünn sein. Ich weiß es nicht. Aber ich persönlich finde nicht, dass es sich lohnt, so dünn zu sein, wenn man doch dafür das Leben aufgeben muss, das so schön sein kann.
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